Das ehemalige alte Rathaus

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Kategorie: HISTORIC
Erstellt am Dienstag, 24. Januar 2012 21:58
Zuletzt aktualisiert am Freitag, 30. März 2018 10:19
Geschrieben von J. Riedinger
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Das ehemalige alte Sulzfelder Rathaus

Bild: Hans Weiß  -  Text: Manfred Himmel

Das alte Sulzfelder Rathaus war im neuklassizistischen Stil, mit klar strukturierten Mauerpartien sowie mit zusätzlichen Verzierungen und einem vorgebauten, dem Romanischen nachempfundenen Eingangsportal mit gotisch wirkenden Brüstungsbaluster, erbaut worden.

Es wurde 1872 als erstes öffentliches Gebäude ohne gölerschen Einfiuss, nur mit Gemeindemitteln für 12.074,00 Gulden, die als Darlehen aufgenommen und finanziert wurden, erbaut. Um das Rathaus bauen zu können, mussten der Vorgängerbau, das so genannte "Kosthaus", welches 1735 von den Freiherren von Göler erbaut worden war, abgerissen werden. Schon damals waren die Sulzfelder im Abreißen von Gebäuden, wie noch heute, schnell bei der Hand.

Das Rathaus war ein zweigeschossiger, quadratischer Sandsteinbau. Es hatte einen schon von weitem sichtbaren, gekerbten Stufengiebel, welcher mit seinen Mauerwürfeln von um die 40 cm über das eigentliche, mit Bieberschwanz, gedeckte Dach emporragte. Jeder einzelne Mauerwürfel war mit sattelförmigen Sandsteinplatten abgedeckt.

Das Eingangsportal war mit einem romanisch gedrückten Stützbogen mit Iängsgeformter, dem Bogen folgender, Hohlkehle und mit einem halbrunden Außenwulst aus jeweils sechs Einzelelementen zusammen aufgebaut worden. Rechts und links an der flächigen Außenseite waren jeweils zwei senkrechte, parallel verlaufende Daumenwulste auf die gesägten Sandsteinblöcke erhaben mit einem Profilmeißel ausgearbeitet worden. Jeweils oben an den beiden Profilwulststreifen war unterhalt der Balkonabdeckung ein menschlicher Maskenkopf eingearbeitet worden.

Die zwölf vierkantigen Balkonbalusterstützen waren oben unter der Abdeckplatte v-förmig gespaltet.

In der Mitte der zwölf Baluster war in den Zwischenraum eine Pferdekopfmaske eingesetzt. An den beiden Eckpfosten waren in passender Form der Baluster folgend vertiefte Aussparungen eingemeißelt worden. Die Bodenplatte, auf welcher die Baluster aufgesetzt waren, hatte unten ein kielförmiges Profil mit Wassernase.

 


 

Die obere Balusterabdeckplatte hatte innen ein steigendes Kamisprofil und außen ein verkehrt steigendes Karnisprofil.

Die Fenstergewände in der gesamten Hausfront waren alle aus unprofiliertem Sandstein. Die beiden Erdgeschossfenstergewände hatten oben am Sturz sieben hochgestellte Sandsteinplatten als eine so genannte Rollschicht zur optischen Auflockerung erhalten.
Die drei Hauptgeschossfenser und das  dreiteilige  Dachgeschossfenster hatten oben eine  girlandenartige, gerade Sandsteinvorsatzprofilierung. Das Giebelfenster war nur mit drei  senkrecht aufgestellten glatten Gewändern versehen. Die Fenstersimse waren alle mit einer geschwungenen Kehlung eingebaut. In allen Holzfenstern waren echte Sprossen eingebaut. Im Erdgeschoss und im Hauptgeschoss waren die Kreuzstockfenster oben mit einem Lüftungskippfenster versehen. Das abgestufte Dachgeschossfenster hatte nur im mittleren, erhöhten Fenster ein Lüftungskippfenster.

In der Giebelfront waren rechts und links auf Kniestockhöhe jeweils ein Ornamentrahmen, welcher nach oben und unten einen gedrückten Tudorbogen mit einem auflaufenden napoleonhutförmigen Ende, das sich mit dem senkrechten Rahmen verbindet. Im rechten Ornamentrahmen war das Vorbild der verschwundenen Germania und im linken die Justitia mit Zepter und Schale abgebildet.

An der Traufseite entlang der Hauptstraße war unterhalb der Dachrinne ein zahlschnittartiger profilierter Mäander angebracht.

Für die Erhaltung dieses einmaligen Denkmals habe ich kurz vor dem Abriss im März 1980 im neuen Rathaus bei Ratsschreiber Tubach einen Antrag auf Erhaltung dieses Monuments abgegeben.

In diesem Dokument, das bei mir und vielleicht auch noch im Rathaus hinterlegt ist, habe ich auf folgendes hingewiesen:

Meinen Vorfahren gegenüber, die seit 1746 in Sulzfeld sesshaft sind, sehe ich mich verpflichtet, deren Gebäudeerinnerungen zu erhalten. Diese Verpflichtung habe ich folgenden Punkten dokumentiert:

 


 

1. Das alte Rathaus ist das erste öffentliche Gebäude, welches frei vom Bürgertum und nicht   von den Freiherren von Göler geplant und erbaut wurde.

2. Einen solch typischen Sulzfelder Sandsteinbau gibt außer dem Rentamt keinen mehr.

3. Die Einheit Rathaus und Kirche wird total zerstört und zerrissen.

4. Für die Fremdenverkehrswerbung gibt es außer der Ravensburg kein besseres Gebäude mehr.

5. Der schlechte Zustand ist für mich kein Grund, dass der Schandfleck, wie er von Einigen genannt wurde, weg     müsste, denn für 100.000,00 DM wäre eine Renovierung möglich.

6. Der Punkt Hindernis im Straßenverkehr ist nur ein Vorwand, das Gebäude abreißen zu dürfen, denn ein reibunqsloser Verkehr schafft meiner Meinung nach keine Kulturwerte.

26 verschiedene Zeitungsberichte, worin in der näheren Umgebung ähnliche Gebäude beschrieben wurden, habe ich mit abgegeben. Diese Gebäude wurden alle mit Landeszuschüssen erhalten, einen Landeszuschuss zu erhalten wurde von unserer Gemeindeverwaltung nicht in Betracht gezogen.

 

Hier einige Beispiele, die zur gleichen Zeit erhalten wurden:

· Hessische und Badische Kelter Kürnbach

· Lamm Kürnbach

· Rathaus und Wagnerhaus Gochsheim

· Rathaus Mingolsheim

· Rathaus von 1870 Münzesheim

· Zehntscheuer Gemmingen

 

Auch muss ich darauf hinweisen, dass die Interessengruppe "Altes Rathaus" am 22.09.1979 im Sulzfelder Gemeindeblatt folgenden Text abdrucken lassen wollte:

 


 

"Altes Rathaus

Alle Sulzfelder, welche für die Erhaltung dieses Gebäudes sind,

treffen sich am Sonntag, den 30.09.1979.um 20 Uhr im Gasthaus zur Rose."

 

Ein Abdruck dieses Textes ist nicht erfolgt.

 

Manfred Himmel

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